Antihistaminika: Kein Nutzen bei Neurodermitis?
Millionen Menschen leiden hierzulande an Neurodermitis – atopischer Dermatitis – und die Zahl steigt stetig. Je nach Schwere der Erkrankung ist der Leidensdruck von Patient:innen oft hoch und effektive Behandlungsoptionen sind gefragt. Zusätzlich zur Standardtherapie kommen bei Neurodermitis mitunter Antihistaminika zum Einsatz – offenbar mit geringem Nutzen.
Von Neurodermitis sind vor allem Kinder betroffen, doch die Erkrankung kann auch bei Erwachsenen auftreten. Die Beschwerden reichen von Trockenheit, Juckreiz und Rötungen bis hin zu schweren Verläufen mit Schmerzen, Schlafstörungen und Co., die die Lebensqualität stark einschränken. Behandelt wird unter anderem mit Glucocorticoiden, aber auch Immunsuppressiva wie Ciclosporin sowie Biologika und Januskinase (JAK)-Hemmer können zum Einsatz kommen. Zusätzlich werden Betroffenen oftmals Antihistaminika verabreicht, um den Juckreiz zu lindern. Doch der Nutzen von Antihistaminika bei Neurodermitis ist gering, wie Forschende nun zeigen. Mehr noch: Die möglichen Nebenwirkungen wiegen schwerer als die Vorteile.
Antihistaminika schwächen durch Antagonismus am Histamin-H1-Rezeptor die Wirkung von Histamin ab und können so dazu beitragen, die typischen Allergiebeschwerden, beispielsweise bei Heuschnupfen, zu lindern. Dabei stehen Antihistaminika verschiedener Generationen zur Verfügung.
Neurodermitis: Besser keine Antihistaminika
In einer systematischen Übersichtsarbeit hat ein amerikanisch-kanadisches Forscherteam den Einsatz von Antihistaminika bei Neurodermitis kritisch unter die Lupe genommen und dafür Daten aus 47 randomisierten Studien mit insgesamt mehr als 6.200 Teilnehmenden mit mittelschwerer bis schwerer Neurodermitis herangezogen. Verglichen wurden dabei Patient:innen, die eine Standardbehandlung erhielten mit solchen, die zusätzlich noch Antihistaminika bekamen. Die Ergebnisse wurde im British Medical Journal veröffentlicht.
Sie zeigen: Signifikante Unterschiede im Hinblick auf Krankheitsschübe, Juckreiz, Linderung von Ekzemen und Schlafstörungen waren zwischen den beiden Patientengruppen nicht zu erkennen. „Bei Patienten mit atopischer Dermatitis führt die zusätzliche Gabe von H1-Antihistaminika wahrscheinlich zu einer klinisch unbedeutenden Reduktion des Schweregrads der atopischen Dermatitis und des Juckreizes und verringert möglicherweise weder Schlafstörungen noch Exazerbationen der atopischen Dermatitis“, heißt es in der Studie. Hinzukam, dass unter einigen Wirkstoffen – allem voran Antihistaminika der ersten Generation – verstärkt Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Konzentrationsschwäche auftraten, die oftmals sogar zu einem Therapieabbruch führten.
Da die berücksichtigten Studien unterschiedliche Designs und Schwerpunkte aufwiesen, lassen sich keine Aussagen zu den Vor- und Nachteilen einzelner Wirkstoffe treffen. Dennoch können die Daten der Übersichtsarbeit als Orientierung dienen und machen deutlich, dass Antihistaminika bei Neurodermitis nicht leichtfertig, sondern nur nach Arztrücksprache eingesetzt werden sollten. „Diese Ergebnisse sprechen gegen den routinemäßigen Einsatz von Antihistaminika in der Behandlung der atopischen Dermatitis und fließen in die Aktualisierung klinischer Leitlinien ein“, so das Fazit der Autor:innen.
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