Wegen Epstein-Barr-Virus: Erst „Kusskrankheit“, dann MS?
Bis zu 300.000 Menschen leiden hierzulande an Multipler Sklerose (MS), jährlich kommen mehr als 10.000 Fälle hinzu. Das Epstein-Barr-Virus (EBV) gilt dabei als Risikofaktor für die Erkrankung. Bricht dieses aus, kann die „Kusskrankheit“ MS begünstigen.
Beinahe jede/r Erwachsene trägt hierzulande das Epstein-Barr-Virus – ein Herpesvirus – in sich. Meist erfolgt die Infektion bereits im Kindesalter und die Erreger verbleiben ein Leben lang im Körper – in der Regel unbemerkt und ohne eine Erkrankung auszulösen. Bei einigen Patient:innen werden die Viren jedoch reaktiviert und es kommt zum Ausbruch einer infektiösen Mononukleose – auch Pfeiffersches Drüsenfieber oder „Kusskrankheit“ genannt. Denn Speichelkontakt gehört zu den häufigsten Übertragungswegen.
Doch auch wenn die Infektion meist symptomlos verbleibt und selbst ein Ausbruch oftmals mild verläuft, drohen Risiken. Genau gilt der Erreger als Vorbote von MS. Grund dafür ist eine bestimmte Reaktion des Immunsystems, die die Entstehung von MS aus der „Kusskrankheit“ begünstigt.
EBV-Ausbruch: „Kusskrankheit“ begünstigt MS
„Multiple Sklerose wird durch eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus mitverursacht“, heißt es von Forschenden der Universität Zürich. Sie haben nun den konkreten Zusammenhang zwischen einer EBV-Infektion und MS entschlüsselt: Kommt es zu einer Infektion, vermehrt sich das Virus in den Schleimhautzellen im Nasen-Rachen-Raum und infiziert vor allem die B-Lymphozyten, die es anschließend über das Blut weiter im Körper verbreiten. Genau gelangen die EBV-infizierten B-Zellen ins zentrale Nervensystem, locken dort durch das Immunsystem aktivierte T-Zellen an und fördern dadurch Entzündungen, die auch für MS typisch sind. „Dies unterstreicht die zentrale Rolle dieser B-Zellen bei der Initiierung von MS“, heißt es in einer Mitteilung.
Basierend darauf könnten nun neue Therapieansätze entwickelt werden, die darauf abzielen, die Interaktion zwischen EBV und dem Immunsystem zu unterbrechen, um die Entstehung von MS aus der „Kusskrankheit“ zu verhindern.
Doch die Forschenden geben außerdem zu bedenken, dass auch genetische Faktoren eine Rolle spielen. Denn nicht jede/r Patient:in mit EBV entwickelt schließlich eine MS-Erkrankung. Demnach trägt das Zusammenspiel zwischen dem Erreger und dem Vorliegen einer MS-typischen Genvariante – HLA-DR15 Haplotyp – dazu bei, dass sich die Krankheit ausbildet. EBV verändert außerdem das Muster von Genen in infizierten B-Zellen, wodurch dort ein Myelinprotein produziert wird. Dieses wird gemeinsam mit der Genvariante von T-Zellen erkannt und bekämpft. Das Immunsystem greift somit die Myelinscheide der Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark an und MS entsteht.
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