Carbamazepin: Intoxikation durch HIV-Medikament
Die Liste an Wechselwirkungen ist lang – sowohl zwischen Arznei- und Lebensmitteln als auch zwischen verschiedenen Arzneimitteln. Dabei sollte auch die gleichzeitige Anwendung von Carbamazepin mit HIV-Medikamenten mit der Wirkstoffkombi Lopinavir/Ritonavir im Blick behalten werden, wie ein Fallbericht zeigt.
Allein hierzulande sind schätzungsweise rund 90.000 Menschen mit dem Human Immundeficiency Virus (HIV) infiziert, ein Großteil davon mit HIV-1. Zur Behandlung stehen verschiedene Wirkstoffe zur Verfügung, die die Virusvermehrung eindämmen sollen. Dazu gehört auch die Wirkstoffkombination aus Lopinavir und Ritonavir, die als pharmakokinetischer Booster dienen soll. Die Proteaseinhibitoren (PI) hemmen die HIV-Protease, die die Aminosäuresequenzen in Vorläuferproteinen des gag-pol-Polyproteins schneidet. Diese Spaltung wird von den PI verhindert und es entstehen unreife und nicht infektiöse HIV-Partikel. Das Virus kann sich nicht vermehren.
Doch unter der Therapie ist Vorsicht geboten, denn es drohen nicht nur Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, erhöhte Blutfettwerte, Hautausschläge und Atemwegsinfektionen, sondern auch Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln. Das gilt vor allem für Wirkstoffe, die über Enzyme der Cytochrom-P450-Familie, genau CYP3A4, metabolisiert werden. Ein Beispiel ist die gleichzeitige Anwendung des HIV-Medikaments mit Carbamazepin, was zu einer Intoxikation führen kann.
Carbamazepin ist ein Dibenzazepin-Derivat und kommt unter anderem bei Epilepsien unterschiedlicher Anfallsarten zum Einsatz – beispielsweise zur Behandlung einfacher sowie komplexer partieller Anfälle und Grand mal, aber auch zur Therapie gemischter Epilepsieformen. Die Wirkung des Antikonvulsivums wird auf die Inaktivierung der Natriumkanäle an den Nervenzellen zurückgeführt. In der Folge wird die Erregbarkeit der Nervenbahnen verringert. Konvulsive Entladungen bleiben aus – die synaptische Übertragung wird gehemmt.
Drohende Intoxikation: Wechselwirkung von Carbamazepin und HIV-Medikament
In einem früheren Fallbericht informiert die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) über eine unerwünschte Wirkung unter Carbamazepin und HIV-Medikamenten mit der Wirkstoffkombination aus Lopinavir und Ritonavir. So wurde ein Patient mit Symptomen wie Ataxie, Schwindel und Schwäche im Krankenhaus behandelt. Bei der Untersuchung fiel eine erhöhte Carbamazepin-Konzentration im Plasma von bis zu 20,9 µg/ml auf. Als Normwerte gelten 4 bis 12 µg/ml. Dies führten die Ärzt:innen auf eine Wechselwirkung mit der gleichzeitig angewendeten Wirkstoffkombi Lopinavir/Ritonavir zurück.
Denn das enthaltene Ritonavir sorgt durch eine starke Hemmung von CYP3A4 zwar für eine um bis zu 100-fach erhöhte Plasmakonzentration von Lopinavir und damit für eine höhere antiretrovirale Aktivität. Allerdings beeinflusst dies auch die Clearance von Carbamazepin. Bleibt dessen Plasmakonzentration dauerhaft erhöht, kann eine Intoxikation die Folge sein. Mögliche Anzeichen sind Schwindel, Müdigkeit, Gangunsicherheit und Doppeltsehen. Die Expert:innen der AkdÄ raten daher, bei entsprechenden Symptomen unter der Behandlung die Blutwerte zu überprüfen und gegebenenfalls die Dosis anzupassen.
Achtung: Auch Makrolidantibiotika Erythromycin und Clarithromycin, Calciumantagonisten wie Diltiazem und Azolantimykotika wie Ketoconazol können zu einer Carbamazepin-Intoxikation führen. Unter Lopinavir/Ritonavir ist unter anderem ebenfalls in Kombination mit Amiodaron und Sildenafil Vorsicht geboten. In Verbindung mit oralen Kontrazeptiva kann es zudem zu deren Wirkverminderung kommen.
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