Statine: Viele Nebenwirkungen nicht belegt
Statine gehören zu den am häufigsten verordneten Wirkstoffen und kommen in verschiedenen Indikationen zum Einsatz. Doch die Sorge vor zahlreichen unerwünschten Wirkungen ist groß – offenbar zu Unrecht. Denn viele Nebenwirkungen unter Statinen sind nicht belegt, zeigt eine Studie.
Statine sind unter anderem Mittel der Wahl zur Primärprävention kardiovaskulärer Ereignisse. Außerdem kommen die Wirkstoffe zur Behandlung einer Hypercholesterinämie begleitend zu einer Diät, wenn eine Nahrungsumstellung allein nicht erfolgreich war, zum Einsatz. Denn sie hemmen die HMG-CoA-Reduktase, ein Enzym, das als Zwischenprodukt bei der Cholesterinneusynthese eine Rolle spielt. Die Arzneistoffe unterdrücken die Cholesterinbildung, was mit einer verstärkten Aufnahme aus dem Blutplasma kompensiert wird. Der Low-densitity Lipoprotein (LDL)-Cholesterinspiegel im Blut sinkt. Einige Wirkstoffe finden auch in topischen Zubereitungen bei einer Verhornungsstörung der Epidermis – der Porokeratose – Anwendung, darunter Simvastatin.
Doch die Liste an möglichen Nebenwirkungen unter Statinen ist lang. In den Fach- und Gebrauchsinformationen verschiedener Präparate werden unter anderem Muskelschmerzen, Rhabdomyolyse, erhöhte Blutungsneigung, Atemprobleme, Ödeme, Müdigkeit, Schlafstörungen, Depressionen und weitere genannt. Verschiedene Studien haben außerdem ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle sowie Diabetes festgestellt.
Nun macht ein Forscherteam deutlich: Viele vermeintliche Nebenwirkungen von Statinen sind bisher nicht belegt.
Statine: Nur vier von 66 Nebenwirkungen bestätigt
Ein Team der Cholesterol Treatment Trialists‘ (CTT) Collaboration hat sich in einer Metaanalyse mit der Nutzen-Risiko-Bewertung von Statinen befasst. Dafür wurden die Ergebnisse aus 23 Studien herangezogen, die insgesamt rund 155.000 Teilnehmende umfassten. Anhand dessen wurde für fünf Präparate überprüft, ob und wie oft die in den Packungsbeilagen am häufigsten gelisteten Nebenwirkungen unter Statinen tatsächlich eintraten. Die untersuchten Wirkstoffe waren: Atorvastatin, Fluvastatin, Pravastatin, Rosuvastatin und Simvastatin. Die teilnehmenden Patient:innen wurden im Median 4,5 Jahre behandelt und erhielten entweder Statine in unterschiedlichen Dosen oder ein Statin im Vergleich zu Placebo.
Das Ergebnis: „Statine verursachen nicht die Mehrzahl der in den Packungsbeilagen aufgeführten Nebenwirkungen“, heißt es in einer Mitteilung. So wurde ein Zusammenhang zwischen der Anwendung entsprechender Arzneimittel und dem Auftreten von unerwünschten Wirkungen nur für vier von insgesamt 66 überprüften Ereignissen belegt, und zwar für Ödeme, Veränderungen in der Urinzusammensetzung, Abweichungen der Leberfunktion und abnormale Lebertransaminase-Werte. Traten tatsächlich Nebenwirkungen unter Statinen auf, geschah dies vor allem zu Therapiebeginn. Dagegen führte die Einnahme von Statinen nicht zu einem Anstieg von Gedächtnisverlust, Demenz, Depressionen, Schlafstörungen, Erektionsstörungen, Gewichtszunahme, Übelkeit, Müdigkeit oder Kopfschmerzen und anderen Beschwerden.
Anpassung der Fach- und Gebrauchsinformationen gefordert
„Unsere Studie bestätigt, dass für die meisten Menschen die Vorteile von Statinen das Risiko von Nebenwirkungen deutlich überwiegen“, so das Fazit. Geht es nach den Forschenden, sollten die Fach- und Gebrauchsinformationen angepasst werden, damit Patient:innen, aber auch Behandelnde besser informierte Entscheidungen treffen können. Denn ihnen zufolge werden die genannten Risiken oftmals überbewertet und sorgen so für eine Irreführung.
Problematisch sehen die Forschenden vor allem das bestätigte häufige Auftreten von Muskelschmerzen unter der Behandlung – vor allem, weil bereits die Angst davor bei vielen Patient:innen fest verankert ist und somit auch unter Placebo auftrat. Um die Therapietreue zu erhöhen, sollten Patient:innen entsprechend sensibilisiert und eine Dosisreduktion in Betracht gezogen werden.
Hinzukommt, dass die festgestellten Ergebnisse vor allem auf Patient:innen zutrafen, die bereits einen Herzinfarkt oder eine koronare Herzerkrankung hatten, wodurch die Übertragbarkeit auf andere Gruppen erschwert wird.
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