Depressionen bei Kindern und Jugendlichen: Früher erkennen, sofort handeln
Depressionen im Kindes- und Jugendalter werden häufig unterschätzt. Da sich die Erkrankung in jungen Jahren anders äußern kann als bei Erwachsenen, bleibt sie oft lange unerkannt. Dabei gilt: Je früher eine geeignete Unterstützung ansetzt, desto besser sind die Aussichten auf eine gesunde Entwicklung.
Während Jugendliche ihre Gefühle meist schon präzise benennen können, zeigt sich die Erkrankung bei jüngeren Kindern anders. Das National Institute of Mental Health (NIH) hebt hervor, dass bei ihnen selten eine klassische Traurigkeit im Vordergrund steht. Stattdessen fallen Betroffene eher durch ausgeprägte Reizbarkeit, körperliche Symptome wie unerklärliche Bauchschmerzen oder einen starken Rückzug auf. Die Diagnose gehört daher stets in die Hände von Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder spezialisierten Psychotherapeut:innen.
Neue Behandlungsleitlinie setzt auf sofortigen Therapiebeginn
Eine aktualisierte Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) betont, dass Behandlungsmaßnahmen exakt auf das Alter und den Entwicklungsstand abgestimmt sein müssen. Neu ist die Empfehlung, direkt nach der Diagnosestellung eine aktive Behandlung anzubieten. Damit rückt man vom früher üblichen abwartenden Vorgehen bei leichten Depressionen ab.
Als Standard der Erstversorgung gilt weiterhin die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die beim Erkennen belastender Denkmuster und beim Umgang mit Gefühlen unterstützt. Als gleichwertige Alternative steht zudem die Interpersonelle Therapie (IPT) zur Verfügung.
Altersgerechte Ansätze im Überblick
- Kleinkinder (3 bis 6 Jahre): Da Gefühle und Belastungen vor allem spielerisch verarbeitet werden, stehen eltern-kind-zentrierte Ansätze wie Rollenspiele oder kreatives Gestalten im Fokus. Medikamente sind in dieser Altersgruppe ausgeschlossen.
- Kinder (7 bis 12 Jahre): Neben der KVT kommt auch eine familienbasierte interpersonelle Psychotherapie zum Einsatz. Der Einsatz von Antidepressiva wird erst bei mittelschweren bis schweren Verläufen erwogen, falls eine Psychotherapie allein nicht ausreicht, nicht durchführbar ist oder abgelehnt wird.
- Jugendliche (13 bis 18 Jahre): Auch hier steht die Psychotherapie an erster Stelle; leichte Formformen werden nicht medikamentös behandelt. Bei mittelgradigen und schweren Episoden empfiehlt die Leitlinie neben Fluoxetin nun auch Sertralin und Escitalopram als Mittel der ersten Wahl. Als Alternative kommt Duloxetin infrage. Nicht mehr empfohlen werden hingegen Wirkstoffe wie Citalopram, Vilazodon, Vortioxetin, Desvenlafaxin und Selegilin.
Einbindung des sozialen Umfelds
Eine Psychotherapie entfaltet ihre Wirkung im Zusammenspiel mit dem Alltag. Eine verlässliche Tagesstruktur, ausreichend Schlaf und Bewegung sind dabei wichtige Bausteine. Auch die Schule sollte bei Leistungseinbrüchen miteingebunden werden. Diese Maßnahmen begleiten den Genesungsprozess zwar wirksam, ersetzen jedoch keine professionelle Behandlung.
Zusätzlich berücksichtigt die Leitlinie nun ergänzende Evidenzen für körperliche Aktivität, Lichttherapie und Omega-3-Fettsäuren sowie weitere Ansätze aus der Ergotherapie, der Kunst- und Musiktherapie und den Hilfen zur Erziehung.
Wie bedeutsam ein rechtzeitiger Interventionstermin ist, bestätigen auch Einschätzungen des britischen NICE-Instituts: Ein früher Behandlungsbeginn erleichtert die Rückkehr in den Schul- und Familienalltag erheblich und senkt das Rückfallrisiko spürbar.
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