Antidepressiva in der Schwangerschaft: Neurologische Entwicklungsstörungen beim Kind?
Rund 31 Tagesdosen Antidepressiva bekam jede/r Erwerbstätige 2024 im Schnitt verordnet. Damit gehören diese zu den am häufigsten verordneten Arzneimitteln, sind jedoch mit Risiken verbunden. Ob dazu auch eine erhöhte Gefahr für neurologische Entwicklungsstörungen beim Kind gehören, wenn Antidepressiva in der Schwangerschaft genutzt werden, zeigt eine Metaanalyse.
Die Zahl der Patient:innen mit Depressionen steigt steig. Laut der Stiftung Deutsche Depressions Hilfe leiden rund 11 Prozent Frauen und 5 Prozent der Männer an depressiven Störungen. Neben psychologischer Behandlung kommen oftmals auch Arzneimittel zur Therapie infrage, allem voran Antidepressiva. Doch unter der Anwendung ist Vorsicht geboten. Das gilt vor allem für werdende Mütter. Denn Antidepressiva in der Schwangerschaft stehen in Verdacht, zu neurologischen Entwicklungsstörungen beim Kind zu führen. Doch was ist dran? Eine Studie liefert die Antwort.
Übrigens: Ein Absetzen von Antidepressiva kann zwar zu Entzugs-ähnlichen Beschwerden führen, aber teilweise nur, weil diese auch erwartet werden. Stichwort Nocebo-Effekt.
Neurologische Entwicklungsstörungen wegen Antidepressiva: Zusammenhang nicht belegt
Schon seit Längerem besteht der Verdacht, dass die Anwendung von Antidepressiva in der Schwangerschaft beim Kind später zu einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Autismus führen könnte. Dieser Annahme ist ein Forscherteam der Universität Hongkong (China) in einer Metaanalyse nachgegangen. Dabei wurden neben der Einnahme selbst auch die Begleitumstände berücksichtigt, beispielsweise vorliegende psychische Erkrankungen bei einem oder beiden Elternteilen. Insgesamt bezogen die Wissenschaftler:innen Ergebnisse aus 37 Studien mit knapp 26 Millionen Patientendaten ein – 25 Millionen Schwangerschaften ohne Antidepressiva-Exposition und rund 650.000 mit einer Exposition.
Das Ergebnis: Das Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen beim Kind fiel leicht erhöht aus, wenn während der Schwangerschaft Antidepressiva genutzt wurden. In puncto Intelligenzminderung, motorische Entwicklungsstörungen oder Sprach- und Sprechstörungen war dagegen kein vermehrtes Auftreten zu beobachten. Zudem zeigte sich, dass das Gesamtrisiko unter Betrachtung aller Störfaktoren wohl deutlich geringer eingeschätzt werden kann. Denn auch die Anwendung vor, aber nicht während der Schwangerschaft sowie eine väterliche Exposition führten zu einem erhöhten Risiko, weshalb die Autor:innen eher genetische, psychosoziale und familiäre Faktoren als Ursachen in Betracht ziehen.
Lediglich für die trizyklischen Antidepressiva Amitriptylin und Nortriptylin blieb das Risiko auch unter Ausklammerung entsprechender Faktoren leicht erhöht.
„Insgesamt liefern unsere Ergebnisse keine überzeugenden Hinweise darauf, dass Antidepressiva während der Schwangerschaft neurologische Entwicklungsstörungen beim Kind verursachen“, so das Fazit. Daher sollten Schwangere ihre bestehende Medikation nicht ab-, sondern fortsetzen. Zudem gelte es, die psychische Gesundheit beider Elternteile zu verbessern.
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