PTA mit offenem Brief: KV Hessen verkennt tägliche Arbeit der Apotheken
Mit ihrem Statement, wonach ein Verzicht auf eine Vielzahl der Apotheken hierzulande möglich wäre und der provokanten Frage „Wer braucht noch Apotheken?“ hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen für Wirbel gesorgt. Eine PTA macht ihrem Ärger Luft und schreibt einen offenen Brief.
PTA Verena Schulz wendet sich mit ihrem Schreiben direkt an die beiden Vorstandsvorsitzenden der KV Hessen, Frank Dastych und Armin Beck , und macht ihre Verwunderung über die jüngst geäußerten Ideen deutlich. „Als PTA frage ich mich ernsthaft, ob Sie sich in den vergangenen Jahren tatsächlich intensiv mit der Realität des Apothekenalltags auseinandergesetzt haben – und ob Sie die Tragweite Ihrer Aussagen wirklich bedacht haben.“
Denn dass die KV Hessen die Apotheken in ihrem Statement als reine „pharmazeutische Verkaufsstellen“ betrachtet, verkennt in den Augen der PTA die tägliche Arbeit tausender Apothekerinnen, Apotheker, PTA und PKA in Deutschland. Apotheken seien für viele Patient:innen die erste und niedrigschwelligste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Beschwerden, und zwar mit einer Erreichbarkeit, von der viele andere Bereiche des Gesundheitswesens inzwischen weit entfernt seien.
Hinzukommt, dass die Mitarbeitenden vor Ort weit mehr leisten, als Arzneimittel abzugeben. „Hinter jeder Medikamentenabgabe stehen Fachwissen, Verantwortung und oftmals umfangreiche pharmazeutische Prüfungen, die für Patientinnen und Patienten meist unsichtbar bleiben.“ So wird stets auf Wechselwirkungen geprüft, Dosierungen und Verordnungen werden hinterfragt und Medikationsfehler verhindert, Lieferengpässe gemanagt, Therapiealternativen gefunden und Arztrücksprache gehalten.
Berufsgruppen gegeneinander ausgespielt
„Eigentlich arbeiten wir Hand in Hand mit den Praxen“, heißt es im Brief weiter. Doch genau dieses Miteinander werde zunehmend erschwert und die einzelnen Berufsgruppen gegeneinander ausgespielt. „Das schadet nicht nur dem gegenseitigen Respekt, sondern letztlich vor allem den Menschen, die auf eine funktionierende Versorgung angewiesen sind.“
Und auch der Vorschlag der KV Hessen, Arzneimittelabgabestellen in Drogeriemärkten einzurichten, sorgt bei der PTA für Unverständnis und Irritation. Denn die pharmazeutische Kompetenz von Apotheker:innen, aber auch von PTA lasse sich nicht einfach durch Zusatzschulungen vermitteln. Und auch die menschliche Komponente spiele eine entscheidende Rolle. Demnach lassen sich Empathie, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit, Menschen in oft belastenden Situationen zu begleiten, nicht automatisieren oder durch ein vereinfachtes Versorgungskonzept ersetzen. Das gelte auch für die zahlreichen Notdienste, die Apotheken leisten.
Die vorgeschlagene Einrichtung eines sogenannten Fahrdienstes um eine Regionalapotheke pro 250.000 Einwohner:innen zu ersetzen, könne zwar auf dem Papier als Sparmaßnahme gelten, in der Versorgungsrealität jedoch für eine enorme Verschlechterung für Patient:innen und ihre Sicherheit sorgen.
Patientenversorgung verbessern anstatt Berufsstand abwerten
Als „sachlich fragwürdig“ und „respektlos gegenüber einem Berufsstand, der seit Jahren unter zunehmendem wirtschaftlichem Druck, Lieferengpässen, Fachkräftemangel und steigenden Anforderungen arbeitet“, bezeichnet Schulz den geäußerten Vorwurf, wonach sich Apotheken vor allem durch Kosmetika und „Gummibärchen“ finanzieren würden. „Die wirtschaftliche Situation vieler Apotheken ist bekannt und lässt sich nicht mit dem Verkauf von Bonbons erklären.“
Für die PTA ist klar: Das Gesundheitssystem braucht Reformen. Doch diese sollten auf dem Ziel beruhen, die Patientenversorgung zu verbessern, anstatt auf „pauschalen Abwertungen eines Berufsstandes basieren, der tagtäglich einen unverzichtbaren Beitrag zur Gesundheitsversorgung leistet.“
Daher lädt die PTA die beiden Vorstandsvorsitzenden der KV Hessen zu einem Besuch in „ihre“ Apotheke ein, um sich ein Bild des tatsächlichen Arbeitsalltags zu machen und im Anschluss womöglich einige Vorschläge differenzierter zu formulieren.
„Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir Apotheken noch brauchen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wie unser Gesundheitssystem ohne sie funktionieren soll“, macht Schulz klar.
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