NEM mit Cholin: Vorsicht bei Schilddrüsenerkrankungen
Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) warnt vor Nahrungsergänzungsmitteln, die im Internet beworben werden und einen Einfluss auf die Schilddrüsenhormone und ihren Stoffwechsel haben sollen. Zum einen fehle für derartige Versprechen der Nachweis und zum anderen könnten einzelne Inhaltsstoffe nachteilig für die Schilddrüsenhormonwirkung sein.
Die Hormone der Schilddrüse beeinflussen unser seelisches Wohlbefinden, Fruchtbarkeit und Sexualität sowie Haut, Haare und Nägel. Liegt eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) vor, werden zu wenig Schilddrüsenhormone produziert. Symptome sind ein verlangsamter Stoffwechsel, Gewichtszunahme, Frösteln, Abgeschlagenheit, Verstopfung, Haarausfall oder depressive Verstimmungen. Wurde die Diagnose gestellt, kann mit T4 behandelt werden. Im Handel sind Tabletten und Tropfen. Patient:innen schleichen zu Behandlungsbeginn das Medikament ein, bis sie die individuelle Dosierung gefunden haben.
Zudem ist die Autoimmunthyreoiditis die häufigste Ursache einer Schilddrüsenunterfunktion im Erwachsenenalter. Dabei greift das Immunsystem das Schilddrüsengewebe an und es werden nicht mehr genug Hormone produziert. Auch hier wird mit L-Thyroxintabletten behandlet. Nach der Einnahme wird L-Thyroxin in den Zellen des Körpers zu dem aktiven Hormon T3 umgewandelt.
Unsicherheit der Patient:innen wird ausgenutzt
Haben Betroffene trotz Arzneimitteltherapie mit Levothyroxin Beschwerden wird laut DGE mitunter im Internet nach Hilfe gesucht. Die Expert:innen warnen vor Nahrungsergänzungsmitteln mit einem angeblichen Einfluss auf die Schilddrüsenhormone. „Trotz ausreichender Substitution mit L-Thyroxin kann es vorkommen, dass einige Beschwerden wie Müdigkeit, Gewichtszunahme oder Wortfindungsstörungen bestehen bleiben“, erklärt Professor Lars Möller von der DGE und Oberarzt am Universitätsklinikum Essen. „Betroffene sind dann oft verunsichert, und suchen im Internet Rat – und geraten mitunter an Nahrungsergänzungsmittel, denen eine Wirkung auf Schilddrüsenhormone zugeschrieben wird. Wir raten davon ab, ohne Rücksprache mit Endokrinolog:innen solche Präparate einzunehmen. Bleiben Beschwerden trotz unauffälliger Werte bestehen, braucht es eine ärztliche Abklärung.“
Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln, die aktuell vor allem online beworben werden, greifen diese Unsicherheit auf. „Häufig wird behauptet, Ursache für die Symptome sei eine Störung bei der Umwandlung von L-Thyroxin in T3. Die Inhaltsstoffe der Präparate wie Selen, Cholin oder Pflanzenextrakte wie Mariendistel sollen angeblich dazu beitragen, diesen Umwandlungsprozess zu unterstützen. Für eine solche Behandlung gibt es jedoch keinen Wirksamkeitsnachweis“, so Möller.
Zudem würden Fakten zum Stoffwechsel verkürzt. T4 werde nicht nur in der Leber, sondern auch in anderen Geweben in T3 umgewandelt. „Wissenschaftliche Veröffentlichungen werden teils aus dem Zusammenhang zitiert, zumeist auch ohne konkreten Bezug zum Präparat. Aus einzelnen Laborbefunden oder beobachteten Zusammenhängen lässt sich keine Wirkung eines Präparats ableiten. Hier wird klar mit der Unsicherheit der Patient:innen bezüglich ihrer Schilddrüsenhormoneinstellung gespielt“, erklärt Möller.
Vorsicht bei Silychristin oder Cholin
Besonders kritisch sieht die DGE Präparate, die Inhaltsstoffe mit möglicher Wirkung auf den Schilddrüsenhormontransport enthalten. „Für Silychristin, eine Substanz aus Mariendistelextrakten, zeigen Untersuchungen, dass sie den Schilddrüsenhormon-Transporter MCT8 hemmen kann“, erklärt Möller. MCT8 ist ein Transporteiweiß, das Schilddrüsenhormone in Zellen bringt. Somit könnte eine regelmäßige Einnahme die zu behandelnden Symptome sogar verstärken, anstatt sie zu lindern.
Cholin sollte ebenfalls nicht leichtfertig eingenommen werden, so die DGE. Einer aktuellen Studie zufolge können erhöhte Cholinkonzentrationen mit niedrigem Schilddrüsenhormonstatus und erhöhtem TSH im Blut sowie einem Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen assoziiert sein.
Arzt statt Selbstbehandlung
Die DGE rät Patient:innen unter eine L-Thyroxin-Behandlung und anhaltenden Beschwerden Arztrücksprache zu halten. Im Gespräch sollten Fragen nach der richtigen Einnahme, möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder Nahrungsergänzungsmitteln, Begleiterkrankungen und andere Ursachen für unspezifische Symptome beantwortet werden. Zudem sollte die Substitutionstherapie mit L-Thyroxin nicht eigenständig abgesetzt oder in der Dosis verändert werden.
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