„Wandernde“ Bakterien: Hirnabszess durch Harnwegsinfekt
Ein Harnwegsinfekt ist nicht nur lästig, sondern auch schmerzhaft und mitunter hartnäckig. Doch damit nicht genug. Denn bleibt eine erfolgreiche Behandlung aus, können schwere Folgen drohen. So kann ein Harnwegsinfekt zu einem Hirnabszess führen, zeigt ein Fall.
Auch wenn Harnwegsinfekte oftmals als Frauensache gelten, können Männer ebenfalls betroffen sein. Auslöser sind in der Regel Bakterien, die in die Harnblase eindringen, beispielsweise Escherichia coli, Enterokokken, Staphylokokken, Pseudomonas und Klebsiella pneumoniae. Doch viele Menschen erkennen eine Harnwegs- beziehungsweise Blasenentzündung nicht einmal als solche oder verwechseln diese mit anderen Erkrankungen, wie zuletzt eine Befragung von Patient:innen gezeigt hat.
Dabei sollte die Infektion nicht unbehandelt bleiben. Denn wird sie verschleppt, drohen lebensgefährliche Folgen. Das zeigt ein Fallbericht mit einem Hirnabszess durch einen Harnwegsinfekt.
Ein Hirnabszess ist eine Eiteransammlung im Gehirngewebe, die durch eine bakterielle oder Pilz-Infektion ausgelöst wird. Meist gelangen Bakterien, die über das Blut aus anderen Körperregionen verschleppt werden, ins Gehirn, führen zu einer lokalen Entzündung, einem absterbenden Gewebebezirk und schließlich einer abgekapselten Eiterhöhle, die Druck im Schädel ausübt. Unbehandelt kann ein Hirnabszess lebensgefährlich werden, denn er verursachte Krampfanfälle und neurologische Ausfälle.
Hirnabszess durch Harnwegsinfekt
Wie Forschende der Universität zu Köln, des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung sowie des Broad Institute in Boston im Fachmagazin New England Journal of Medicine berichten, wurde eine 63-jährige Patientin mit akut einsetzenden Schmerzen und einem Sehverlust am rechten Auge ins Krankenhaus eingeliefert. In ihrer Krankengeschichte hatte sie bereits Nierensteine und mehrfach Harnwegsinfekte erlitten.
Mittels einer Magnetresonanztomografie wurde ein Hirnabszess bei der Frau diagnostiziert, der aller Wahrscheinlichkeit nach durch einen nicht vollständig ausgeheilten, chronischen Harnwegsinfekt entstand. Demnach wurden sowohl im Urin der Frau als auch im Abszess Populationen von Klebsiella pneumoniae nachgewiesen, die denselben Ursprung hatten. Folglich scheinen die Bakterien, die Auslöser für den Harnwegsinfekt waren, in das Gehirn gewandert zu sein und haben dort den Hirnabszess verursacht. Grund dafür ist vermutlich, dass die Bakterien eine Art Kapsel ausbilden konnten, die sie vor der Aufnahme durch Immunzellen schützte, sodass sie nicht effektiv bekämpft werden konnten und stattdessen eine Ausbreitung der Infektion begünstigten.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich hochvirulente Subpopulationen in einem scheinbar harmlosen Reservoir wie einer Harnwegsinfektion entwickeln und zur Ausbreitung der Infektion im selben Patienten beitragen können“, heißt es von den Autor:innen. Das Problem: Weil dies bisher kaum bekannt ist, ist eine entsprechende Diagnose besonders schwierig.
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