Produktionsprobleme: Engpass bei Nitrendipin
Lieferengpässe ziehen sich durch verschiedene Wirkstoffgruppen. Betroffen sind nicht nur Blockbuster, sondern auch Wirkstoffe, die in den Hintergrund geraten, aber dennoch Bestandteil etablierter Therapien sind. Ein Beispiel ist Nitrendipin. Der Calciumantagonist ist seit Sommer vergangenen Jahres von Lieferengpässen betroffen.
Nitrendipin ist ein Calciumantagonist. Das Antihypertonikum hemmt den transmembranären Calciumioneneinstrom in die Zellen der glatten Gefäßmuskulatur. Das hat laut Fachinfo gleich mehrere Wirkungen: den Schutz vor einem gesteigerten Calciumioneneinstrom in die Zelle, die Hemmung der myogenen, calciumabhängigen Gefäßmuskelkontraktion, die Herabsetzung des peripheren Gefäßwiderstandes, die Senkung des pathologisch erhöhten arteriellen Blutdrucks sowie einen leichten natriuretischen Effekt, vor allem zu Behandlungsbeginn.
Doch der Wirkstoff wurde in den vergangenen Jahren zunehmend von Amlodipin und Lercanidipin abgelöst. Während die Verordnungszahlen der beiden Wirkstoffe steigen, sinken die von Nitrendipin.
Laut Liste der beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gemeldeten Lieferengpässe fällt Nitrendipin bereits seit vergangenem Sommer aus. Aristo meldete im Juni für den Wirkstoff zu 20 mg aufgrund von Produktionsproblemen einen Engpass, der Stand jetzt, bis Ende dieses Jahres andauern wird. Ratiopharm und Aliud können Nitrendipin zu 20 mg voraussichtlich ab Ende März wieder liefern – AbZ ab Ende Mai.
Nitrendipin fällt auch zu 10 mg von den genannten Herstellern aus. Die Unternehmen geben an, Ende März beziehungsweise Mitte April voraussichtlich wieder liefern zu können. Somit fallen in beiden Stärken alle Hersteller derzeit aus.
Andere Calciumantagonisten als Alternative?
Calciumantagonisten werden in drei Gruppen unterteilt:
- Nifedipin-Typ (Dihydropyridine): Zu den Vertretern der Dihydropyridine gehören unter anderem Amlodipin, Felodipin, Lercanidipin, Nifedipin und Nitrendipin. Die Arzneistoffe beeinflussen selektiv die Blutgefäße und haben auf die Erregungsleitung am Herzen und die Kontraktilität keinen Einfluss. Den Wirkstoffen werden gefäßerweiternde, blutdrucksenkende und antianginöse (gegen Angina pectoris wirksam) Eigenschaften zugesprochen. Die Substanzen senken die Nachlast und fördern die Sauerstoffversorgung des Herzmuskels.
- Verapamil-Typ (Phenylalkylaminderivate): Die Wirkstoffe werden zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen, der koronaren Herzkrankheit und Bluthochdruck eingesetzt. Diese Vertreter der Calciumantagonisten senken den Blutdruck und verlangsamen den Herzschlag.
- Diltiazem-Typ (Benzothiazepine): Die Arzneistoffe werden zur Behandlung von Bluthochdruck, Angina pectoris oder Herzrhythmusstörungen sowie Vorhofflimmern angewendet.
Calcium spielt bei der Kontraktion des Herzens eine wichtige Rolle. Der Botenstoff führt zu einer Gefäßverengung und zu einem Blutdruckanstieg. Strömt Calcium in die Zellen des Herzmuskels ein, kommt es zur Kontraktion. Je schneller der Mineralstoff in die Zellen einströmt, desto schneller schlägt auch das Herz.
Wie der Name schon sagt, beeinflussen Calciumantagonisten den Einstrom von Calcium in die Zellen. Die Wirkstoffe blockieren den Calciumkanal und verhindern so den Calciumeinstrom. In der Folge bleiben die Arterien weitgestellt und der Blutdruck sinkt. Außerdem nimmt die Erregungsleitung ab. Calciumkanalblocker werden auch zur Migräneprophylaxe eingesetzt. Als Vertreter der Wirkstoffklasse kommt Flunarizin zum Einsatz.
Zu den unerwünschten Arzneimittelwirkungen der Calciumantagonisten gehören Blutdruckabfall, Kopfschmerzen, Flush oder Herzklopfen.
Einnahme
Einige Wirkstoffe werden zum Essen und andere nach den Mahlzeiten eingenommen. Während Nitrendipin nach einer Mahlzeit geschluckt werden sollte, ist Lercanidipin vor dem Essen anzuwenden und es ist auf Grapefruit zu verzichten. Amlodipin kann wiederum unabhängig von einer Mahlzeit eingenommen werden. Wichtig ist es, die Arzneimittel stets zur gleichen Tageszeit anzuwenden. Die optimale Wirkung der Calciumantagonisten setzt erst nach etwa zwei bis vier Wochen ein.
Kontraindikationen
Calciumantagonisten dürfen nicht bei Herzinsuffizienz oder nach einem akuten Herzinfarkt angewendet werden. Außerdem ist die Stoffgruppe bei Leber- und Nierenfunktionsstörungen nur eingeschränkt und nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung durch den Arzt/die Ärztin geeignet.
Wechselwirkungen
Ritonavir, Erythromycin und Clarithromycin können die Wirkung der Calciumantagonisten verstärken. Es kann also zu einem stärkeren Blutdruckabfall kommen. Werden die Arzneistoffe kombiniert, sollte der Blutdruck kontrolliert werden. Phenytoin oder Carbamazepin hingegen können zu einer Wirkminderung führen.
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