TikTok-Trend Chlorophyll-Wasser: Was sagt die Wissenschaft?
Ein paar Tropfen ins Wasserglas, kräftig umrühren und schon wird aus gewöhnlichem Leitungswasser ein dunkelgrüner Drink. Auf TikTok wird Chlorophyll-Wasser aktuell als Wundermittel für reinere Haut, weniger Körpergeruch, eine bessere Verdauung, Gewichtsverlust und die angebliche „Entgiftung“ des Körpers gefeiert. Die wissenschaftliche Grundlage hinter dem Social-Media-Trend fällt allerdings wesentlich schmaler aus als die großen Versprechen.
Das fängt schon beim Inhalt an: Wer flüssiges „Chlorophyll“ kauft, nimmt meist gar keinen reinen Pflanzenfarbstoff zu sich. Viele Produkte enthalten Natrium-Kupfer-Chlorophyllin, eine wasserlösliche, chemisch veränderte Form des natürlichen Pflanzenfarbstoffs. Dabei wird unter anderem das Magnesium im Chlorophyll durch Kupfer ersetzt. In der EU sind Kupferkomplexe der Chlorophylline auch als Farbstoff E141 (ii) bekannt. Forschungsergebnisse zu Chlorophyllin lassen sich daher nicht eins zu eins auf natürliches Chlorophyll übertragen – und umgekehrt.
Mythen um Hautbild und Gewichtsverlust
Die angeblichen Effekte halten einer kritischen Prüfung kaum stand. So wurden in der oft zitierten Akne-Studie „Pilot Study of Topical Copper Chlorophyllin Complex in Subjects With Facial Acne and Large Pores“ zehn Personen mit leichter bis mittelschwerer Akne untersucht. Drei Wochen lang trugen die Teilnehmer:innen zweimal täglich ein Gel mit 0,1 Prozent Natrium-Kupfer-Chlorophyllin auf das Gesicht auf. Danach zeigten sich Verbesserungen bei mehreren untersuchten Hautparametern.
Untersucht wurden jedoch lediglich zehn Personen, die drei Wochen lang ein Gel mit Chlorophyllin direkt auf die Haut auftrugen – eine Kontrollgruppe gab es nicht.
Wenn es ums Abnehmen geht, wird wiederum meist eine Untersuchung der Arbeitsgruppe um Caroline Montelius von der Universität Lund in Schweden angeführt. 38 Frauen mit Übergewicht nahmen zwölf Wochen lang entweder fünf Gramm eines Extrakts aus grünen Pflanzenmembranen oder ein Placebo ein. Zusätzlich sollten alle Teilnehmerinnen drei Mahlzeiten am Tag essen, auf Zwischenmahlzeiten verzichten und ihre körperliche Aktivität steigern. Die Frauen mit dem Pflanzenextrakt verloren im Durchschnitt fünf Kilogramm, in der Kontrollgruppe waren es 3,5 Kilogramm. Auch die Ausschüttung des Sättigungshormons GLP-1 nahm nach den Mahlzeiten stärker zu.
Verabreicht wurden Thylakoidmembranen aus grünen Pflanzen, nicht Chlorophyll-Tropfen oder Chlorophyll-Wasser. Thylakoide sind komplexe Membranstrukturen aus Chloroplasten und enthalten neben Chlorophyll zahlreiche weitere Bestandteile. Die Ergebnisse können deshalb nicht einfach auf die im Handel angebotenen Chlorophyllin-Lösungen übertragen werden.
Was Chlorophyll wirklich leisten kann
Etwas interessanter wird es bei einem weiteren TikTok-Schlagwort: „Detox“. Chlorophyllin kann im Verdauungstrakt bestimmte Substanzen binden und dadurch deren Aufnahme beeinflussen. Besonders gut untersucht wurde das bei Aflatoxin B1, einem von Schimmelpilzen gebildeten Giftstoff, der unter anderem mit einem erhöhten Leberkrebsrisiko in Verbindung steht.
Eine viel zitierte Untersuchung trägt den Titel „Chlorophyllin intervention reduces aflatoxin DNA adducts in individuals at high risk for liver cancer“. Die randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studie umfasste 180 Erwachsene aus dem damals stark belasteten Qidong in China. Vier Monate lang erhielten sie dreimal täglich 100 Milligramm Chlorophyllin oder ein Placebo. In der Chlorophyllin-Gruppe waren bestimmte Aflatoxin-DNA-Abbauprodukte im Urin deutlich vermindert, vermutlich weil Chlorophyllin die Aufnahme des Giftes im Darm reduzierte.
Eine allgemeine „Entgiftung“ oder ein spürbarer Deo-Effekt von innen bei gesunden Menschen lässt sich daraus aber keineswegs ableiten.
Grundsätzlich sind Chlorophyll und Chlorophyllin zwar gut verträglich, können aber Nebenwirkungen wie Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden sowie eine grüne Verfärbung von Stuhl und Zunge verursachen. Für Schwangere, Stillende und Menschen, die regelmäßig Medikamente einnehmen, fehlen zudem ausreichende Sicherheitsdaten für hochdosierte Präparate. Wer seinem Körper etwas Gutes tun möchte, greift deshalb besser direkt zu grünem Gemüse wie Spinat, Brokkoli oder Petersilie – das liefert den Farbstoff in seiner natürlichen Form zusammen mit wertvollen Ballaststoffen und Vitaminen.
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