Seh-Mythen: Weder Augentraining noch Karotten heilen Kurzsichtigkeit
Selbstheilung, Augentraining oder der tägliche Karottensalat: Im Netz kursieren zahlreiche Behauptungen, wie sich Kurzsichtigkeit ganz ohne Sehhilfe korrigieren lassen soll. So berichtet ein Facebook-Nutzer, seine Dioptrienzahl habe sich allein durch das Weglassen der Brille, Karottensalat und Sonnenlicht deutlich verbessert. Expert:innen stellen jedoch klar: Das ist ein Mythos. Einmal entstandene Kurzsichtigkeit lässt sich weder durch spezielle Ernährung noch durch Augentraining rückgängig machen.
Eine solche Verbesserung der Sehstärke ist wissenschaftlich aber nicht belegt. Expert:innen beschreiben die strukturelle Verlängerung des Augapfels als irreversibel. Dass sich die Dioptrienzahl bei einzelnen Messungen verändert, kann demnach an Tagesform und Messbedingungen liegen – und bedeutet nicht automatisch, dass die Kurzsichtigkeit zurückgeht.
Bei Kurzsichtigkeit, auch Myopie genannt, werden entfernte Objekte unscharf wahrgenommen. Sie entsteht in der Regel dadurch, dass der Augapfel im Verhältnis zu seiner Brechkraft zu lang ist. Das einfallende Licht wird dann nicht auf der Netzhaut, sondern davor gebündelt. Gegenstände in der Nähe werden scharf gesehen, in der Ferne erscheinen sie ohne Brille oder andere Sehhilfen verschwommen.
Der Augapfel wächst vor allem in der Kindheit
Das ausgewachsene menschliche Auge ist nach Angaben des Berufsverbands der Augenärzte Deutschlands (BVA) im Durchschnitt etwa 24 Millimeter lang. Bei Kindern kann sich eine Kurzsichtigkeit entwickeln, während der Augapfel wächst. Laut der Österreichischen Ophthalmologischen Gesellschaft (ÖOG) spielen dabei sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle.
Mehr Zeit im Freien – also bei Tageslicht – kann den Beginn einer Myopie verhindern oder verzögern, wie Studien zeigten. Lange Naharbeit etwa an Bildschirmen hingegen wird mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit in Verbindung gebracht.
Tageslicht kann somit in der Kindheit helfen, einer Kurzsichtigkeit vorzubeugen oder ihr Fortschreiten zu verlangsamen. Eine bereits entstandene strukturelle Veränderung des Augapfels macht es aber nicht rückgängig. Auch für Erwachsene gilt: Selbst sehr viel Aufenthalt im Sonnenlicht lässt eine bestehende Myopie nicht wieder verschwinden.
Übungen verändern die Augenlänge nicht
Auch Augentraining kann die Länge des Augapfels nicht relevant verkürzen: Eine im Fachjournal „Eye“ veröffentlichte Meta-Analyse chinesischer Forscher kam zu dem Ergebnis, dass Augenübungen bei der Vorbeugung oder Begrenzung des Fortschreitens einer Kurzsichtigkeit nur eine begrenzte bis gar keine Wirksamkeit haben.
Die Krankenkasse AOK fasst die Studienlage so zusammen: Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Augentraining das Sehvermögen verbessert. Die Augenmuskulatur ist nicht die Ursache der durch einen zu langen Augapfel bedingten Kurzsichtigkeit. Übungen können deshalb die optische Ursache der Myopie nicht beseitigen. Eine beobachtete Veränderung der Dioptrienzahl beweist keine Verkürzung des Augapfels und damit auch keine Heilung.
Karotten sind kein Wundermittel
Und was ist mit Karotten? Sie enthalten Beta-Carotin, aus dem der Körper Vitamin A bilden kann, das für die Funktion der Netzhaut wichtig ist. Eine ausgewogene Ernährung trägt damit zur allgemeinen Augengesundheit bei. Die strukturelle Veränderung, die eine Kurzsichtigkeit verursacht, lässt sich durch Karotten-Inhaltsstoffe oder bestimmte Nahrungsergänzungsmittel aber nicht rückgängig machen. Das ergab unter anderem eine 2025 im Fachblatt „Nutrients“ veröffentlichte Auswertung wissenschaftlicher Studien.
Brillen und Kontaktlinsen korrigieren die Brechkraft des Auges, damit das Bild wieder scharf auf der Netzhaut ankommt. Auch eine Laseroperation verändert nur die Brechkraft – sie verkürzt den Augapfel nicht.
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