Lokalisiert statt unkompliziert: Neue Regeln für Harnwegsinfektionen
Harnwegsinfektionen wurden bislang in umkompliziert und kompliziert unterteilt. Damit ist jetzt Schluss. Die Europäische Gesellschaft für Urologie (EAU) unterscheidet nun in lokalisierte und systemische Harnwegsinfektionen.
Von einer unkomplizierten Harnwegsinfektion war bislang die Rede, wenn im Harntrakt keine relevanten, funktionellen oder anatomischen Anomalien, keine relevanten Nierenfunktionsstörungen und keine relevanten Vor- oder Begleiterkrankungen vorliegen, die eine Harnwegsinfektion oder gravierende Komplikationen begünstigen können. Fast jede zweite Frau ist mindestens einmal im Jahr von einer Blasenentzündung betroffen. Doch Rezidive sind möglich. Bei mehr als zwei Infektionen im Halbjahr oder drei im Jahr spricht man von rezidivierenden – häufig wiederkehrenden – Blasenentzündungen.
Als komplizierte Harnwegsinfekte galten Infekte bei Männern oder auch eine Nierenbeckenentzündung sowie, wenn anatomische Besonderheiten oder Funktionsstörungen der Harnwege oder bestimmte Begleiterkrankungen vorliegen. Dazu gehören beispielsweise Diabetes, eine eingeschränkte Nierenfunktion oder eine Schwächung des Immunsystems.
Weil eine Unterscheidung in komplizierte und unkomplizierte Harnwegsinfekte nicht immer möglich war, wurde die Leitlinie der EAU überarbeitet und Infektionen in lokalisiert und systemisch unterteilt. Außerdem wird nicht mehr zwischen den Geschlechtern unterschieden – Männer gelten nicht mehr automatisch als Risikofaktor.
Lokal vs. systemisch
Lokalisierte Harnwegsinfektion: Eine Zystitis ohne Anzeichen und Symptome einer systemischen Infektion bei beiden Geschlechtern.
Systemische Harnwegsinfektion: Eine Infektion mit Anzeichen und Symptomen einer systemischen Infektion mit oder ohne lokalisierte Symptome, die von jeder Stelle im Harntrakt bei beiden Geschlechtern ausgeht.
Diese Definition ermöglichen es Ärzt:innen, zwischen einer lokalisierten Harnwegsinfektion, die in der Regel ambulant behandelt werden kann, und einer komplexeren systemischen Harnwegsinfektion zu unterscheiden, die möglicherweise eine Blutentnahme, Bildgebung, intravenöse antimikrobielle Behandlung und einen Krankenhausaufenthalt erforderlich machen kann.
Symptome lokaler Harnwegsinfekte können Schmerzen, Brennen und Stechen beim Wasserlassen sowie häufiger Harndrang, trüber Urin und Krämpfe sein. Systemische Infektionen können mit Fieber, Schüttelfrost, Schmerzen und Druckempfindlichkeit in der Nierengegend sowie Abgeschlagenheit und Hypotonie verbunden sein.
Bei der Behandlung sollten Risikofaktoren im Blick behalten werden. Dazu gehören Harnwegsanomalien, eine Katheterisierung, eine vorangegangene Antibiose, Grunderkrankungen sowie gefährdete Gruppen wie Senior:innen und Säuglinge.
Antibiotika-Einsatz reduzieren
Außerdem wird der Einsatz von Antibiotika kritisch bewertet und für einen rationalen Einsatz appelliert. Der unnötige Einsatz von Antibiotika soll auf ein Mindestmaß reduziert werden, denn Übergebrauch und Missbrauch haben zu der zunehmenden Resistenzentwicklung uropathogener Bakterien beigetragen, die eine ernsthafte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstellt. In Akutkrankenhäusern sind der EUA zufolge 20 bis 50 Prozent der verschriebenen Antibiotika entweder unnötig oder unangemessen.
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