Melatonin: Was vor der Einnahme wichtig ist
Ein Spray, ein paar Tropfen oder ein Gummidrop und dann endlich schlafen? Mit dieser Erwartung kommen Kund:innen auch in die Apotheke. Melatonin braucht jedoch Beratung. Denn hinter demselben Inhaltsstoff stehen unterschiedliche Produkte, Anwendungsgebiete und Einnahmehinweise.
Zuerst das Schlafproblem verstehen
Melatonin ist ein körpereigenes Hormon und an der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt. Seine Ausschüttung hängt eng mit dem Hell-Dunkel-Wechsel zusammen. Das bedeutet aber nicht, dass bei schlechtem Schlaf automatisch Melatonin fehlt. Und ebenso wenig, dass zusätzlich eingenommenes Melatonin jedes Schlafproblem lösen kann.
Deshalb beginnt die Beratung mit dem Anlass: Geht es um Jetlag nach einer Reise über mehrere Zeitzonen? Oder bestehen die Schlafprobleme unabhängig davon? Seit wann, wie häufig und mit welchen Folgen am Tag? Auch bereits verwendete Schlafhilfen sollten erfragt werden. Die Antworten helfen, den nächsten Schritt festzulegen.
Danach folgt der Blick auf das konkrete Produkt. Melatoninhaltige Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel. Sie durchlaufen keine Arzneimittelzulassung mit entsprechender Prüfung von Wirksamkeit und Sicherheit. Die Darreichungsform allein sagt darüber wenig aus: Eine Tablette ist nicht automatisch ein Arzneimittel und ein Spray nicht automatisch ein Nahrungsergänzungsmittel.
Die Milligrammzahl erklärt nicht alles
Circadin (Melatonin) enthält beispielsweise 2 mg Melatonin in retardierter Form. Das verschreibungspflichtige Arzneimittel ist zur kurzzeitigen Behandlung einer primären Insomnie mit schlechter Schlafqualität bei Menschen ab 55 Jahren zugelassen. Laut Fachinformation wird es einmal täglich, ein bis zwei Stunden vor dem Zubettgehen und nach dem Essen eingenommen. Die Behandlung kann bis zu 13 Wochen dauern.
Seit 2026 besteht außerdem eine begrenzte Ausnahme von der Verschreibungspflicht: für Melatonin zur oralen Anwendung bei Jetlag bei Erwachsenen mit 3 mg je abgeteilter Arzneiform, einer Tagesmaximaldosis von 3 mg und einer Packungsgröße bis zu insgesamt 30 mg. Wichtig für die Beratung: Diese Ausnahme gilt für Jetlag. Sie ist keine allgemeine Freigabe zur Selbstbehandlung von Schlafstörungen.
Einnahmehinweise lassen sich deshalb nicht einfach von einem Produkt auf ein anderes übertragen. Bei Circadin müssen die Tabletten beispielsweise unzerkaut geschluckt werden, damit die verzögerte Freisetzung erhalten bleibt. Für Dosierung, Einnahmezeitpunkt und Anwendungsdauer sind immer die Angaben des jeweiligen Präparats maßgeblich.
Auch bei Melatonin nach anderen Präparaten fragen
Melatonin kann mit anderen Arzneimitteln wechselwirken. Die Fachinformation von Circadin warnt etwa vor der Kombination mit Fluvoxamin, das die Melatoninspiegel deutlich erhöhen kann. Auch Östrogene können die Spiegel erhöhen. Zusammen mit bestimmten Schlafmitteln können Aufmerksamkeit und Koordination stärker beeinträchtigt werden. Die Frage nach der Begleitmedikation gehört daher zur Beratung.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät insbesondere bei Kindern, Jugendlichen, Schwangeren, Stillenden sowie Menschen mit Epilepsie, Autoimmunerkrankungen oder eingeschränkter Leber- beziehungsweise Nierenfunktion von einer unkontrollierten Einnahme melatoninhaltiger Nahrungsergänzungsmittel ab. Mögliche unerwünschte Wirkungen sind unter anderem morgendliche Benommenheit, Kopfschmerzen und verminderte Aufmerksamkeit. Wer morgens Auto fährt, sollte auch darüber Bescheid wissen.
Bleiben Schlafprobleme bestehen, sollte die Ursache geklärt werden. Die S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ unterstützt keine Empfehlung für Melatonin in der Langzeitbehandlung. Für die Apotheke heißt das: Anwendung und Erwartungen besprechen, Grenzen aufzeigen und bei anhaltenden Beschwerden zur weiteren Abklärung raten. Auch ein vertraut klingendes „Schlafhormon“ ersetzt keine gezielte Behandlung.
Gast-Beitrag von Apothekerin und PTA-Schullehrerin Simone Gansewig
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