Sleepy Girl Mocktail: Hilft Sauerkirschsaft wirklich beim Einschlafen?
Sauerkirschsaft, Magnesium und ein Schuss Sprudelwasser: Der sogenannte „Sleepy Girl Mocktail“ wird als einfache, natürliche Einschlafhilfe besonders auf TikTok gefeiert. Ganz abwegig ist die Idee nicht, denn sowohl Sauerkirschen als auch Magnesium stehen schon länger im Fokus der Schlafforschung. Ein wissenschaftlicher Nachweis für die Wirksamkeit des fertigen Trenddrinks steht jedoch aus.
Das Hauptproblem des Hypes: In Untersuchungen wurden bislang stets nur Sauerkirschprodukte oder Magnesium isoliert betrachtet – nie die spezifische Kombination aus beidem. Es lässt sich wissenschaftlich nicht belegen, dass sich die Effekte einfach addieren. Zudem unterscheiden sich die Rezepte im Netz stark, sodass die verwendeten Mengen meist deutlich unter oder über den Dosen aus klinischen Studien liegen.
Sauerkirschen als natürliche Melatonin-Quelle
Ein häufig zitierter Beleg für die Kirsch-Wirkung ist eine Studie von Glyn Howatson und seinem Team namens European Journal of Nutrition. 20 gesunde Erwachsene tranken dafür eine Woche lang Sauerkirschsaftkonzentrat oder ein Placebogetränk. Unter dem Kirschkonzentrat stieg die Ausscheidung von 6-Sulfatoxymelatonin – einem Abbauprodukt des Schlafhormons Melatonin. Auch Schlafdauer und -effizienz verbesserten sich leicht. Allerdings war die Teilnehmerzahl sehr klein und der Testzeitraum kurz.
Eine weitere Studie von Wilfred Pigeon erschienen im Journal of Medicinal Food, untersuchte 15 ältere Personen mit chronischer Insomnie über zwei Wochen. Zwar verringerte sich die Wachzeit während der Nacht leicht, bei Einschlafdauer und Gesamtschlafzeit zeigten sich gegenüber dem Placebo jedoch keine deutlichen Vorteile. Die Autoren bewerteten den Effekt selbst als moderat.
Dass die Forschung hierzu noch nicht abgeschlossen ist, zeigt das Studienprotokoll „CherryZZZ“ im Fachmagazin Nutrients. Darin soll die Wirkung von Sauerkirschsaft bei älteren Menschen erneut untersucht werden – diesmal mit objektiver Schlafmessung. Ergebnisse liegen bislang nicht vor.
Magnesium: Plausibler Ansatz, durchwachsene Studienlage
Auch die zweite Zutat, Magnesium, erfüllt wichtige Aufgaben im Nervensystem und bei der Reizübertragung in den Muskeln. In sozialen Medien führt das oft zur Behauptung, Magnesium mache automatisch müde. Die Datenlage ist jedoch differenzierter.
In einer Studie im Journal of Research in Medical Sciences erhielten 46 ältere Menschen mit Schlafproblemen acht Wochen lang Magnesium oder ein Placebo. Die Testgruppe berichtete von verbesserter Einschlafzeit und Schlafeffizienz.
Größere Auswertungen bremsen die Erwartung jedoch. Jasmine Mah und Tyler analysierten 2021 für BMC Complementary Medicine and Therapies drei randomisierte Studien mit insgesamt 151 älteren Erwachsenen. Im Mittel verkürzte Magnesium die Einschlafzeit um rund 17 Minuten. Die Qualität der zugrunde liegenden Studien bewerteten die Autoren allerdings als niedrig bis sehr niedrig.
Auch ein weiterer systematischer Review mit insgesamt 7582 Teilnehmern kam zu keinem klaren Ergebnis. Beobachtungsstudien fanden zwar Zusammenhänge zwischen Magnesiumversorgung und Schlaf, randomisierte Studien lieferten jedoch widersprüchliche Resultate.
Zwei mögliche Effekte ergeben noch keinen Schlafdrink
Genau hier zeigt sich das Problem des TikTok-Rezepts. Die Studien untersuchten entweder Sauerkirschprodukte oder Magnesium, nicht die Mischung aus Kirschsaft, Magnesium und Sprudel. Es lässt sich daher nicht daraus schließen, dsas sich mögliche Effekte einfach addieren. Auch die verwendeten Mengen unterscheiden sich von Rezept zu Rezept erheblich. Ein Schuss Kirschsaft ist nicht mit den Mengen vergleichbar, die in klinischen Untersuchungen verwendet wurden.
Noch schwieriger wird der Vergleich bei Magnesium. Je nach Pulver können unterschiedliche Magnesiumsalze und Mengen enthalten sein. Ein gehäufter Löffel ohne Blick auf die Menge an elementarem Magnesium macht aus einem Social-Media-Rezept schnell eine unnötige hohe Supplementierung.
Mehr Magnesium ist nicht besser
Hohe Mengen Magnesium aus Nahrungsergänzungsmitteln können Durchfall, Übelkeit und Bauchkrämpfe verursachen. Für Erwachsene liegt die in den USA festgelegte tolerierbare Höchstmenge bei 350 mg Magnesium pro Tag aus Supplementen und Arzneimitteln, Magnesium aus Lebensmitteln zählt dabei nicht mit. Bei eingeschränkter Nierenfunktion ist besondere Vorsicht nötig, weil überschüssiges Magnesium schlechter ausgeschieden werden kann.
Auch der Sauerkirschsaft ist nicht beliebig. Konzentrate können je nach Produkt relevante Mengen Zucker und Kalorien liefern. Wer jeden Abend ein großes Glas trinkt, sollte das besonders bei Diabetes oder kalorienbewusster Ernährung berücksichtigen.
Wer schlecht schläft, sollte die Ursache abklären
Für gelegentliche Einschlafprobleme kann ein abendliches Ritual durchaus hilfreich sein. Ob dabei der Sauerkirschsaft, das Magnesium oder schlicht die feste Routine den Unterschied macht, lässt sich beim Einzelnen kaum feststellen. Anders sieht es bei anhaltenden Schlafproblemen aus. Wer über Wochen schlecht ein- oder durchschläft, stark schnarcht, Atemaussetzer bemerkt oder tagsüber ausgeprägt müde ist, sollte nicht dauerhaft mit Nahrungsergänzungsmitteln experimentieren. Dann gehört die Ursache abgeklärt.
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