Wenn das Nervenvitamin die Nerven belastet
Vitamin B6 ist in zahlreichen Nahrungsergänzungsmitteln enthalten – ob in Magnesiumkombinationen, Multivitaminpräparaten oder Produkten für Energie und Nervenstärke. Wer mehrere dieser Mittel gleichzeitig kombiniert, nimmt oft unbewusst viel zu viel davon auf. Das Ironische daran: Ausgerechnet der Nährstoff, der die Nervenfunktion unterstützen soll, kann bei dauerhaft hoher Überdosierung selbst neurologische Beschwerden hervorrufen.
In der Zutatenliste taucht der Stoff oft als Vitamin B6, Pyridoxin oder Pyridoxinhydrochlorid auf. Während eine Überversorgung rein über die normale Ernährung nahezu unmöglich ist, schießen die Werte durch die Kombination verschiedener Präparate schnell in die Höhe.
Wenn die Nerven kribbeln: Symptome einer Überdosierung
Als essenzieller Baustein wirkt Vitamin B6 unter anderem am Aminosäurestoffwechsel und an der Nervenfunktion mit. Wird dem Körper jedoch langfristig zu viel davon zugeführt, kann dies eine periphere Neuropathie auslösen. Typische Warnsignale sind:
- Kribbeln, sowie brennende Empfindungen oder Taubheitsgefühl an Händen und Füßen
- Gleichgewicht und Störungen der Bewegungskoordination bei schwereren Verläufen
Aufgrund dieser Risiken hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ihre Einschätzung im Jahr 2023 angepasst. In ihrer wissenschaftlichen Stellungnahme wurde die tolerierbare Tageshöchstmenge für Erwachsene von ehemals 25 mg auf 12 mg pro Tag gesenkt – dieser Wert schließt Lebensmittel, angereicherte Produkte und Nahrungsergänzungsmittel ein.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät zu noch mehr Vorsicht: Es empfiehlt für ein einzelnes Nahrungsergänzungsmittel maximal 0,9 mg Vitamin B6 pro Tagesdosis. Dies ist zwar kein gesetzlich verankertes Limit, dient aber als vorsorgliche Richtlinie, um der versehentlichen Mehrfachaufnahme über verschiedene Produkte entgegenzuwirken.
Risiko besteht nicht nur bei extremen Dosierungen
Dass sehr hohe Pyridoxinmengen das Nervensystem schädigen können, ist medizinisch lange bekannt. Neuere Erkenntnisse zeigen jedoch, dass Beschwerden nicht erst bei extremen Dosierungen auftreten:
- Lareb-Untersuchung: Das niederländische Pharmakovigilanzzentrum analysierte 90 Verdachtsfälle von peripherer Neuropathie im Zusammenhang mit B6-haltigen Supplementen. Ergebnis: Ein Zusammenhang ist bei hoher und langer Einnahme sehr plausibel, ein Risiko ließ sich aber auch bei Dosierungen unter 50 mg täglich nicht ausschließen.
- Wissenschaftliche Reviews: Arbeiten wie die von Hadtstein und Vrolijk belegen vor allem Schäden an den sensorischen Nervenzellen durch überschüssiges Pyridoxin. Warum manche Menschen bereits bei verhältnismäßig geringen Mengen empfindlich reagieren, ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt.
Was beachtet werden sollte
Sollten sich während der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln Missempfindungen wie Kribbeln, Taubheit oder Brennen an Händen und Füßen bemerkbar machen, sollte Vitamin B6 als mögliche Ursache in Betracht gezogen und das Präparat abgeklärt werden. Bei anhaltenden neurologischen Symptomen empfiehlt sich stets der Gang zur Ärztin oder zum Arzt.
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